Blinde Puppe Gretel aus Oschatz bekommt ihre Augen zurück
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Boulevard Blinde Puppe Gretel aus Oschatz bekommt ihre Augen zurück

Beim Sprechtag der Puppendoktorin Pavica Gottschild im Oschatzer Stadt- und Waagenmuseum herrschte großer Andrang. Die Kleinforsterin Rita Görner hatte ihre Puppe Gretel dabei, die sie vor 50 Jahren von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte und deren Augen im Kopf verschwunden sind. Frau Puppendoktor will Gretel das Augenlicht zurückgeben.

Puppendoktorin Pavica Gottschild und ihre Assistentin mit der Puppe von Rita Görner in der Oschatzer Puppen- und Stofftiersprechstunde.

Quelle: Bärbel Schumann

oschatz. Mit Tochter, Enkelin und ihrer rot gekleideten Puppe machte sich am Sonntagnachmittag Rita Görner zum Oschatzer Stadtmuseum auf den Weg. Ihr Ziel war die Puppen- und Stofftiersprechstunde von „Doktor“ Pavica Gottschild. Die gebürtige Kroatin betreibt in Dresden eine Puppen- und Stofftierklinik. Fern der Landeshauptstadt hält sie Sprechstunden für junge und ältere Patienten ab, kommt so regelmäßig auch nach Oschatz. Davon hatte auch Rita Görner erfahren. Im Handgepäck hatte die Kleinforsterin einen ganz besonderen Schatz dabei. „Das ist meine erste eigene Puppe“, berichtet die 74-Jährige mit strahlenden Augen.

Fast 50 Jahre ist es her, dass die Kleinforsterin das Spielzeug geschenkt bekam: „Zu meinem 25. Geburtstag habe ich diese Puppe von meinem Mann erhalten.“ Das verwundert zunächst. Doch die 74-Jährige hat dafür eine einleuchtende Erklärung. „Ich habe noch Geschwister, war allerdings die Älteste. Zu deren Gunsten musste ich oft zurückstecken, ich war ja die Ältere und musste vernünftig sein“, blickt sie an ihre Kindertage zurück. So kam sie nie in den Genuss, von den Eltern eine eigene Puppe geschenkt zu bekommen. Eine Geschichte und eine Sehnsucht, die ihren Ehemann Jahre später zu einem ungewöhnlichen Geschenk für seine Frau zu deren 25. Geburtstag veranlasste. Er überraschte seine Liebsten mit der Puppe Gretel.

Rita Görner schenkte dieser Puppe viel Liebe und schließlich auch einen besonderen Platz in der Wohnung. „Trotzdem durfte damit aber auch gespielt werden“, fügt sie hinzu. Spurlos ging das in den vergangenen 50 Jahren an der Puppe nicht vorüber. Seitdem ihr Enkel die Schlafaugen von Gretel aus Versehen reingedrückt hat, rollen die Augen im hohlen Kopf der Puppe herum, wenn man sie bewegt. Frau Puppendoktor Pavica Gottschild soll es nun richten und der blinden Gretel das Augenlicht zurück geben. „Ich hänge an der Puppe, denn mein Mann Dietmar ist inzwischen verstorben“, erzählt die Kleinforsterin in der Sprechstunde. Nun muss sie einige Zeit auf ihren Liebling verzichten. Doch Rita Görner weiß, dass sie in absehbarer Zeit ihren Lockenkopf mit dem roten Hosenanzug zurück erhalten wird. Ihr Reparaturauftrag soll in etwa sechs Wochen erledigt sein. „Dann ruft mich Frau Puppendoktor an, und ich kann Gretel im Oschatzer Museum abholen“, sagt Rita Görner.

„Eine solche Geschichte war an dem Tag in Oschatz kein Einzelfall“, erklärt die Expertin. Um die 70 Puppen und Stofftiere wurden ihr zur Oschatzer Sprechstunde vorgestellt. „So groß war der Andrang in meiner Sprechstunde in Oschatz noch nie“, fügt die 58-Jährige hinzu. Es sei erstaunlich gewesen, welche Geschichten sie von den Patienten und ihren Besitzern erfahren habe. „Ich freue mich immer wieder, wenn auch jüngere Leute ihre Puppen und Stofftiere aufbewahren, auch wenn es Plastepuppen sind. Es ist ein Zeichen, dass sie geliebt wurden und werden“, so die Dresdnerin.

Bei den vorgestellten Patienten gab es auch einige ganz besondere. So war Pavica Gottschild von einem Teddy aus den 1940er Jahren fasziniert, dessen Wangen vom häufigen Schmusen seines Besitzers schon ganz „abgeliebt“ waren.

Ein seltenes Exemplar war auch eine kleine Porzellanpuppe aus den Jahren 1910 bis 1915. Ihre Besitzerin hatte der Puppe aus echten Haaren ihrer eigenen Kinder eine Perücke gefertigt. Nun soll sie mit einer neuen Haarpracht ausgestattet werden.

Von bärbel schumann

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